Ein Interview mit Bärbel Sokat

von Lilian Löffl

Geführt von Matthias Bär

Frage: Wo bist Du denn überall aktiv?
Ich bin aktiv als Behindertenbeauftragte von Holzkirchen, als stellvertretende Behindertenbeauftragte vom Landkreis, als Oma gegen Rechts und bei Holzkirchen ist Bunt. Außerdem bin ich im Ukraine-Helferkreis für’s „Sachen suchen“ da.

Frage: Wie bist Du in das Engagement reingekommen?
Behindertenbeauftragte bin ich seit Herbst 2019 durch die Empfehlung des vorherigen Behindertenbeauftragten geworden, den ich privat kannte. Beim Ukraine-Helferkreis bin ich aktiv geworden, weil ich unbedingt helfen wollte, als 2022 der Krieg ausbrach und leider wegen der Behinderung meines Mannes niemanden privat aufnehmen konnte.

Frage: Und davor?
Ich war eine Zeit als ich in Bayrischzell gewohnt hab aktiv. Da war ich im Elternbeirat, Vorsitzende des Kinderfördervereins und habe sogar als Parteifreie auf der SPD-Liste für den Gemeinderat kandidiert. So ein bißchen was hab ich immer gemacht, ich glaube ohne kommunales oder soziales Engagement kann ich nicht sein – da fühl ich mich unwohl.

Frage: Also seit der Jugend kann man sagen, daß Du immer irgendwie dabei warst?
Ne, kam später erst. So mit 30 fing das an. Davor hab ich mein Kind bekommen und mußte mich im Job etablieren.

Frage: Das heißt aus eigenem Antrieb bist Du ins Engagement reingekommen?
Ja, genau! Es liegt mir, ich organisiere furchtbar gerne, da bin ich gut drin und das klappt auch immer. Gepaart aber auch immer mit etwas sozialem – daß ich jetzt hier irgendwelche Müttertreffen organisiere, damit die sich amüsieren, das erfüllt mich nicht. Dieses Gefühl etwas sinnvolles zu tun und sich für eine positive Sache einzusetzen, möchte ich nie missen.
Ich bin eben der Meinung, daß ein Sozialstaat nur funktioniert, wenn jeder ein wenig dafür tut. Auch mit wenig Zeit, gibt es so viel, was man tun kann: Eine Stunde pro Monat im Altenheim vorlesen, der Nachbarin beim Schneeschaufeln helfen, im Sportverein Kinder fahren und und und…

Frage: Wir würdest Du denn aktuell Deinen Wirkradius beschreiben?
Hauptsächlich natürlich der Landkreis, aber das Netzwerk wird immer größer. Ich bin mit den Münchner Omas gegen Rechts verbandelt, mit den Rosenheimern, bin bei Aufstehen gegen Rassismus Chiemgau vernetzt, bekomme Anfragen von Ulm, von Augsburg.
Als Behindertenbeauftragte aber nur im Landkreis.

Frage: Da Du ja dann Deine Fühler in allen möglichen Ortschaften und Szenen hast, kannst Du irgendwelche regionalen Unterschiede feststellen?
Ich würde sagen, daß in Miesbach und Holzkirchen das Engagement im Landkreis am größten ist. In Holzkirchen gibt es Holzkirchen ist Bunt und die Omas gegen Rechts, die sich sehr einsetzen. In Miesbach gibt es das Bunte Haus, wo sie sehr viel tun, mit allem, was dazugehört. In den kleineren Orten gibt es in die Richtung noch gar nichts, obwohl ich da auch Anfragen von einzelnen Personen bekomme, die sich gerne bei den OgR engagieren würden. Ein Traum von mir ist, daß wir im Landkreissüden und im Tegernseer Tal auch eine Oma-Gruppierung aufbauen – zusätzlich zum Bündnis „Das Tegernseer Tal bleibt bunt“, welches es dort schon gibt.
Behindertenbeauftragte gibt es allerdings überall – hier kommt es sehr auf die einzelnen Beauftragten an, wie ernst die das nehmen und selbstverständlich, wie sehr sie durch ihre Gemeindeverwaltung unterstützt werden. Da habe ich in Holzkirchen Glück.

Frage: Würdest Du sagen hier unterscheidet sich der Landkreis Miesbach von anderen Landkreisen, daß sich alles in größeren Ortschaften abspielt? Gibt es Besonderheiten im Landkreis Miesbach?
Ne, das ist überall gleich.

Frage: Würdest Du sagen es gibt unterschiede zwischen der Stadt Miesbach und Holzkirchen, oder ist das auch in etwa gleich?
Schwierige Frage. Besonders beim Engagement gegen rechts ist Holzkirchen stärker als Miesbach.

Frage: Hast Du eine Vermutung, woran das liegen könnte?
Ich kann nur vermuten, daß sich noch keine Gruppierung gebildet hat. Es wird mit Sicherheit genug Bürgerinnen und Bürger geben, die das gerne machen würden, aber noch keine Gruppierung gefunden haben, bei der sie mitmachen können.
Es ist einfach bei jeder Gruppierung so: Du brauchst Macher vorne an der Spitze. Wenn Du da niemanden hast, dann läuft’s einfach nicht. Du brauchst einfach jemanden, der die Leute mitzieht, der die Motivation hochhält, der Kontakte knüpft, vernetzt und dadurch Aktivitäten ans Land zieht. Das hat in Miesbach wohl einfach noch nicht geklappt, daß da die richtigen Leute zusammengefunden haben.

Frage: Bist Du selber in so einer Macherinnenposition?
Natürlich bin ich das, ich bin die Ober-Oma, so wurde ich letztens vorgestellt. (lacht)

Frage: Was macht jemand zu so einem Macher?
Ich denke, es ist eine Charaktereigenschaft, die man hat, daß man einfach gerne organisiert, engagiert ist, sich bemüht und etwas verändern will, das einem stinkt. Bei mir ist es so, daß ich einfach diese „Geht nicht, gibt’s nicht.“-Einstellung habe und gewillt bin, auch mal Umwege zu gehen, um mein Ziel zu erreichen.

Frage: Also man braucht Ehrgeiz und Flexibilität?
Ja, genau.

Frage: Was gefällt Dir an Deiner Rolle als „Ober-Oma“ am besten?
(lacht) Am besten gefällt mir an dieser Rolle, daß ich etwas bewirken kann, selbst wenn es Mini-Schritte sind. Mir gefällt das Gefühl, daß ich nicht einfach zu Hause sitze, sondern etwas gegen das tun kann, was alles auf uns zukommt.

Frage: Was frustriert Dich daran am meisten?
Die Mentalität von vielen Leuten, die den Kopf in den Sand stecken und daß es deshalb viel zu wenig Leute gibt, die sich gegen rechts einsetzen. Das sieht man auch gut an den Prüf-Demos jetzt in München, daß da einfach viel zu wenig Leute sind. Man sieht aber auch in Holzkirchen, daß es schwierig ist Leute für irgendwas zu motivieren.
Wo sind die hunderttausenden, die damals bei dem Skandal um „Remigration“ auf die Straße gegangen sind? Was ist mit den Leuten passiert? Das frustriert mich ungemein. Das macht mich sauer und wütend.

Frage: Ist das Deine größte Hürde im Engagement gerade oder was ist die größte Hürde?
Die mangelnde Motivation der Leute, die die Gefahr zwar sehen, aber denken: „Ach das wird schon nicht so schlimm werden.“
Als junge Frau hab ich mich immer gefragt, wie konnte das mit den Nazis damals passieren und die Leute meinten zu mir: „Die Leute hatten einfach nicht so viele Medien und waren nicht so aufgeklärt“, aber heute weiß ich, daß es früher genau so war wie heute: Die Leute stecken den Kopf in den Sand.

Frage: Was war der größte Erfolg, an dem Du mitgewirkt hast?
Bei den Omas definitiv unser Demokratiefest, weil dort einfach so viele Leute waren und das auch alles mit den Bands und den Reden super geklappt hat. Als Behindertenbeauftragte ist es allerdings immer ein Kampf, weil Du ständig gegen leere Kassen und die Vorurteile der Leute kämpfst. Da ist für einen Erfolg, wo ich sage: „Wow! Super toll!“ einfach zu wenig passiert.

Frage: Bekommst Du Demogeld von der Antifa gGmhH? Wenn ja, wo kann man das beantragen?
(lacht) Natürlich bekomm ich Geld, aber ich nehme keins mehr an, weil ich schon alle Hotels in der Schloßallee hab. Beantragen kann man das übrigens jedes Mal, wenn man bei einer Demo über Los geht…
(in ernstem Ton) Tatsächlich finanziert sich diese Arbeit hauptsächlich von den Spenden und dem freiwilligen Engagement vieler Privatpersonen. Ich habe selbst schon einige Aktionen aus eigener Tasche mitfinanziert und kann klar sagen: Wer sich engagieren will, sollte das nicht in der Hoffnung tun, das wirke sich positiv auf den Geldbeutel aus.