von Lilian Löffl
Alle, die die letzten Wochen nicht vollständig ihre Zeit hinter dem Mond verbracht haben, werden vermutlich den Fall um Collien Fernandes zumindest mal gehört haben. Hier nochmal die Zusammenfassung: Collien Fernandes ist Schauspielerin und Fernsehmoderatorin. Sie spielt in der Serie „Das Traumschiff“ mit und trat für die öffentlich-rechtlichen Medien auch als Journalistin auf. Ihr Mann Christian Ulmen ist ebenfalls Schauspieler und Produzent, der mittlerweile auch eine eigene Produktionsfirma hat. Diesem wird vorgeworfen, dass er über Jahre mit einer KI pornografische DeepFakes von seiner Frau erstellte und diese an eine große Bandbreite von „Kunden“ verschickte. Collien Fernandes fand dies raus und erstattete eine Anzeige gegen ihren Ex-Mann. Ein offizielles Gerichtsurteil steht noch aus, aber man kann davon ausgehen, dass eine Frau, die durch diese Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse mittlerweile mit einer schusssicheren Weste auf einer Demo auftreten muss, nicht tun würde, was sie gerade macht, wenn sie sich dabei nicht zu 100% sicher wäre. Trotz dessen, dass sie in diesem Fall das eindeutige Opfer ist, muss sie auch jetzt sehr viel Hass von – wer hätte es gedacht – ganz vielen Männern erfahren. Aber woher kommt dieser Frauenhass?
Nicht zwingend der Frauenhass aber die Unterdrückung von Frauen ist zunächst sehr tief in der Kultur des Menschen verwurzelt. Von der Gesellschaftsstruktur des antiken Roms, in welcher der „Dominus“ also der Hausherr die führende Person im Haushalt war, bis hin zum heute immer noch existierenden Gender-Pay-Gap: Frauen sind demnach den Männern untergeordnet. Dieser Zustand kann nur durch das Aufbrechen der alten, patriarchalen Strukturen verändert werden, das ist aber nicht automatisch der Grund für Frauenhass, wobei es diesen auf jeden Fall unterstützt.
Der Grund für Frauenhass liegt darin, dass es eine Menge Männer gibt, die gegen eine Änderung des patriarchalen Systems sind. Denn sie müssten für die Gleichberechtigung der Frau eigene Macht und Überlegenheit abgeben. Gerade mit Social Media Plattformen wie TikTok können sich leicht Influencer in der sogenannten „Manosphere“ stark machen.
Die Schwierigkeit beim Verändern des Systems liegt darin, dass es Männer braucht, um das System abzuschaffen, da es von Männern für Männer erschaffen wurde. Frauen alleine werden das nicht hinkriegen. Dazu müssen sich jedoch die Männer selbst hinterfragen, in ihrem Verhalten und ihrem Umgang gegenüber ihren weiblichen Mitmenschen. Dieses Hinterfragen kann auch Unsicherheit auslösen, was zunächst nichts Schlimmes ist. Es ist für den Menschen immer ungewohnt und unsicher bisherige Verhaltensweisen zu ändern. Problematisch ist es, wenn man sich von diesem Gefühl der Unsicherheit überwältigen lässt und sich nach einer klaren Linie sehnt. Genau da nehmen die „Alpha Males“ und frauenfeindlichen Influencer ihren Platz ein und gewinnen schnell an Aufmerksamkeit.
„Männer müssen stark sein, Männer dürfen keine Gefühle zeigen, Männer müssen ihre Frau unter Kontrolle haben!“ Das sind die Narrative, die verbreitet werden. Je kontroverser, desto besser, denn dadurch steigt die Aufmerksamkeit und diese füllt natürlich die Geldbeutel der Influencer. Dadurch werden zahlreiche junge Männer radikalisiert und zur Misogynie gezogen verleitet. Es entsteht auf Social Media dieser Frauenhass gegen Personen wie Collien Fernandes, weil sich die jungen Männer in einer Machtposition sehen.
Da ich selbst männlich bin ist bei mir in letzter Zeit auch die Frage aufgekommen: Aber ich bin ja nicht wie die, warum sollte ich aktiv werden?
Das Problem ist, dass das System weiterexistiert, wenn nicht auch Männer tatkräftig werden. Wie es die deutsche Rockband "Die Ärzte" so treffend in ihrem Lied „Deine Schuld“ (Album: Geräusch, 2003) auf den Punkt bringt: “Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt!”
Die wenigsten von uns haben tatsächlich mitgewirkt, wie das Patriarchat entstanden ist, da liegen die Wurzeln wie gesagt bereits weit in der Vergangenheit, aber jeder einzelne kann dazu beitragen, dieses System Stück für Stück aufzubrechen. Dabei darf man sich als Mann nicht zu sehr verunsichern lassen. “Not all men, but always men” So heißt ein in letzter Zeit viel verbreiteter Slogan im Bezug auf sexuelle Straftaten gegenüber Frauen. Die Täter sind immer Männer. Das heißt aber nicht, dass Feminismus gleich Männerhass ist, ein häufiges Missverständnis. Man muss als Mann verstehen, dass die Kritik nicht gleich an jeden Mann persönlich geht, sondern hauptsächlich an das System und die Gesellschaft, in der es immer noch viel zu leicht ist, zum einen sexuelle Gewalt gegenüber Frauen auszuüben und andererseits, auch zu leicht, damit ohne große rechtliche Konsequenzen davonzukommen. Allein in den USA gibt es zahlreiche mächtige Menschen, deren Namen öfter in den Epstein-Files vorkommen, die immer noch das gleiche Leben wie zuvor führen. Das prominenteste Beispiel ist der Präsident selbst. Auch wenn in Deutschland die rechtliche Situation anders ist als in den USA, ist des Problem hier nicht weniger wichtig. Die strukturelle Benachteiligung der Frau bis hin zu sexueller Gewalt oder Femiziden: das sind Probleme, die real sind, für die ein Bewusstsein geschaffen werden muss und die gelöst werden müssen. Solange jedoch der amtierende deutsche Bundeskanzler das Problem hauptsächlich bei den Ausländern sieht, liegt es an uns allen, darauf aufmerksam zu machen.
Werdet euch bewusst, dass die Gesellschaft und das System zum Vorteil von uns gebaut worden sind. Das ist schonmal ein erster Schritt. Hinterfragt euch selbst oder redet mit anderen Jungs und Mädchen, die ihr kennt. Werdet aktiv und bleibt nicht passiv: es reicht nicht aus, für einen selbst zu wissen, dass man „nicht so wie die“ ist. Man muss es offen zeigen, um auch bei anderen ein Bewusstsein zu schaffen. Und nehmt Feminismus und die damit verbundenen Bewegungen nicht als Männerhass wahr. Klar, es gibt Frauen, die prinzipiell Männer hassen, aber das ist nicht viel besser als prinzipiell Frauen zu hassen. Der Großteil von Feministen, will einfach nur eine Welt, in der sowohl Männer als auch Frauen ohne Vor- oder Nachteile dem anderen Geschlecht gegenüber leben können. Eine Welt, in der Männer ernst genommen werden, falls sie von einer Frau sexuelle Gewalt erfahren. Eine Welt, in der Frauen nachts lieber einem Mann als einem Bären begegnen. Aber dazu müssen auch Männer anfangen, sich aktiv für Frauen einzusetzen.