von lilian ena meow-meow
Zum 18. Geburtstag einen Brief bekommen. Danach zur Musterung, dann zum Wehrdienst. Dann in den Krieg. Das fürchten viele Jugendliche aufgrund der zunehmenden Militarisierung und den zunehmenden Verpflichtungen dieser gegenüber der Bundeswehr. Vor allem aus Angst vor einer Wehrpflicht gingen am 25.09.2026 in München um die 1.000 Menschen Streiken—Bundesweit waren es rund 45.000.
Hier kamen unterschiedlichste Personen zusammen—jedoch hauptsächlich Schüler*innen, da es sich um einen Schulstreik handelt—um gegen Militarisierung, eine mögliche Wehrpflicht, Krieg und Sozialabbau zu protestieren.
Um 10:00 begann es am Giesinger Bahnhof. Es waren bereits einige parteiliche und nicht parteiliche Organisationen vor Ort, die diesen Protest unterstützen, unter anderem Die Partei, Jusos, DGB, SDAJ, ver.di, SDS und die Linksjugend ['solid].
Es gab Plakate zum Mitgestalten, einen Marsch, Flyer, viele Sprüche zum mit-schreien und einige Reden. Eine von diesen begann mit einen Blick in die Vergangenheit: aus eigener Erfahrung wurde davon erzählt, wie es vor 35 Jahren sehr ähnliche Demonstrationen zum Thema Wehrpflicht gegeben hätte—damals hätte die Bundesregierung wohl eine Verlängerung der damals noch bestehenden Wehrpflicht angestrebt—mit sehr ähnlichen Argumenten, die sie Heute noch verwendet: "Der Russe steht vor der Tür". Allerdings hat "der Russe" uns in den letzten 35 Jahren noch nicht angegriffen. Demnach Bewertet der Redner diese Rhetorik als Kriegspropaganda.
Das Interesse der Jugend, in die Bundeswehr zu gehen, ist ziemlich gering; die Zahl der Wehrdienstverweigerer steigt rasant und lag im Juli bereits bei 8.302. Im gesamten Vorjahr waren es nur 3.879. Laut Redner*innen gaben von den 300.000 Personen, die einen Brief zur Wehrerfassung bekamen, nur 503 an, "Bock auf die Bundeswehr" zu haben. Dass jede fünfte Person in der Bundeswehr unter psychischen Erkrankungen leidet und die 2.000 Vorfälle von sexuellem Missbrauch in der Bundeswehr zwischen 2021 und 2025 machen einen Wehrdienst auch nicht attraktiver.
Die Jugendlichen fühlen sich vor allem verarscht, da die Bundesregierung angab, Musterungen erst ab Juli 2027 durch zu führen. Allerdings wurden bereits 4.000 Personen Gemustert, von denen sogar 1.000 angaben, kein interesse an einem Wehrdienst zu haben. Wenn die Bundesregierung die Jugend so hintergeht, wird sie dann auch wie versprochen wirklich keine Wehrpflicht einführen?
Allerdings fühlen wir die Auswirkungen der Militarisierung nicht nur bei der Wehrpflicht: "Es gibt nur Kanonen oder Butter", sagt eine der Redner*innen. Demnach hänge der derzeitige Sozialabbau direkt mit der Aufrüstung zusammen. Je mehr Geld ins Militär, desto weniger Geld in unsere Sozialen Einrichtungen, heißt es. An Schulen fehle es an 50 Millionen Euro, der Klimawandel werde nicht genug bekämpft und psychotherapeutische Stellen werden abgebaut. Es musste sogar Deutschlands größte Suchtklinik für Jugendliche schließen. Das fehlende Geld in den sozialen Sektoren fließe in das Militär. Durch die Aufrüstung würden also mehr Personen unter psychischen Belastungen leiden, während es gleichzeitig immer weniger Therapieplätze gäbe. Der Klimawandel werde ignoriert, während es den Schulen an Geld für Klimaanlagen fehle. Was daran besonders aufregt: die Politiker*innen, die diese Entscheidungen treffen, werden wohl nie von diesen negativen Konsequenzen betroffen sein.
Der Ausbau der Rüstungsindustrie würde auch Kommunen abhängiger von dieser machen, da z.B. mehr Steuern und Arbeitsplätze an dieser hängen. Dementsprechend können Kommunen nicht unabhängig von der Rüstungsindustrie Entscheidungen treffen. Dies würde die Selbstbestimmung der Kommunen behindern.
Ein gängiger Demospruch war daher: "Hoch mit der Bildung, runter mit der Rüstung".
Wie falsch die Bundesregierung unsere Steuergelder ausgibt habe ich an dem Tag selbst mit bekommen; als ich die Demo verlassen habe, wurde ich von der Polizei für eine Personenkontrolle aufgehalten. Für ein Job, für den ein bis maximal zwei Polizist*innen genügt hätten, kamen um die 8 Personen, um mich zu umzingeln und einzuschüchtern. All das, während alle sozialen Sektoren an Personalmangel leiden.
Anfangs wären die Streiks von der Bundesregierung noch unterstützt worden—es handelte sich bei dem Streik am 25.09. bereits um den vierten seiner Art—allerdings wurden Schüler*innen bereits bei vorherigen Streiks vom Bundeskriminalamt so wie von dem Verfassungsschutz bedroht. Die Bundesregierung fühle sich durch die Streiks in die Ecke gedrängt, weshalb sie nun intensivst gegen diese vorginge.
Des Weiteren wird kritisiert, wie sehr die Rüstungsindustrie und Kriegskonzerne von der Aufrüstung der BRD profitieren. "[Die] Grenzen sind zwischen Oben und Unten", also zwischen der reichen Oberschicht und der arbeitenden Unterschicht, und nicht zwischen Russen und Deutschen, so einer der Redner*innen. Demnach würde in Rüstung für den Profit der Oberschicht investiert werden und nicht für die Verteidigung der Demokratie oder für Sicherheit.
Diese Ansicht vertritt wohl auch Anna Sack von der Linksjugend ['solid], welche ich vor Ort interviewen durfte. Laut ihr vertrete der bürgerliche Staat nicht die Interessen der allgemeinen Bevölkerung. Sie denkt, der Zweck der Wehrpflicht sei die "Vertretung imperialistischer und kapitalistischer Interessen". Dafür will sie nicht sterben.
Phileas von der Gestaltungsfos Giesing kam auf den Streik, um die eigenen Rechte aus zu üben und zu verteidigen. Sie ist auch der Meinung, Krieg würde nur kapitalistische Interessen verteidigen, nicht demokratische. Weitere Demonstrierende erzählten mir von ihrer Angst um die Musterungs- und Wehrpflicht. Sie wollen nicht ins Militär gehen, nicht in einem Krieg sterben, nicht ihre Geliebten an irgendeiner Front verlieren. Die Zukunft von Minderjährigen würde von der Regierung weggeworfen werden und es würde durch Kriegspropaganda Konsens für einen Krieg geschaffen werden. Die Streikenden wünschen sich mehr Aufmerksamkeit auf das Thema in der Bevölkerung und wirkliche Sozialpolitik der Regierung.
Aufrüstung geschieht stets nur zur Vorbereitung auf einen Krieg. Und jeden Tag scheint es mehr und mehr so, als ob Deutschland, als ob die EU, einen Krieg mit Russland wolle. Es gibt keinen Grund, weshalb Russland in ein Nato oder EU Staat einmarschieren wollen würde, jedoch arbeiten fast alle europäischen Medien und Politiker*innen daran, Konsens für einen Krieg in der Bevölkerung zu produzieren. Denn das ist, was hier passiert: Politiker*innen, die Bundeswehr und Kriegskonzerne werfen ihre Propagandamaschinen an, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass wir mehr Waffen, mehr Bomben, mehr Kampfjets, mehr Massenvernichtungswaffen, mehr Krieg brauchen. Uns wird erzählt, wir müssen die Demokratie verteidigen; die selbe Demokratie, die uns willentlich verhungern lässt, die selbe Demokratie, in der die Schere zwischen Arm und Reich Jahr für Jahr wächst, die selbe Demokratie, die die Interessen der Bevölkerung immer mehr und mehr vernachlässigt—unter anderem auch, um mehr Geld zum Morden zu haben. Für diese Demokratie sollen wir nun in einem konstruierten Krieg für das Wohlergehen der Reichsten sterben. Dazu hieß es auf der Demo: "Merz leck Eier!", "Stirb doch selbst an der Ostfront!"
Falls ihr auch kein Bock habt für kapitalistische und imperialistische Interessen, für das oberste Prozent zu sterben, dann organisiert euch! Engagiert euch bei Schulstreik gegen Wehrpflicht, die diesen Streik organisiert haben, geht selbst auf die Straßen, werdet Teil vom DGB. Sucht nach lokalen Organisationen, die gegen die Kriegspolitik der Bundesregiergung arbeiten!
Autorin: lilian ena meow-meow